«Ich versuche, nicht mehr ‹Etwas› zu fotografieren, sondern es zu interpretieren. Ich suche Bilder, die glaubhaft dem ‹Etwas› näher kommen. Es geht mir um das Gefühl im Visuellen.»
Vincent Kohlbecher folgt in seiner neuen Arbeit den Spuren des Romans „Gravity’s Rainbow“ (Die Enden der Parabel)* von Thomas Pynchon und übersetzt dessen paranoiden, fragmentierten Kosmos in eine eigenständige fotografische Bildwelt. Über sieben Jahre hinweg reist er entlang der Schauplätze des Romans durch Europa, Afrika, Zentralasien und Amerika. Entstanden ist eine offene, vielschichtige Bildfolge, in der sich Realität, Projektion und Fiktion überlagern. Kohlbecher beschreibt seine Arbeitsweise als „visuelles Forschen“ – als Versuch, Literatur nicht abzubilden, sondern fotografisch zu denken.
Vincent Kohlbecher folgt den Spuren von Thomas Pynchons „Roman Gravity’s Rainbow“ (Die Enden der Parabel) – jenem legendären Roman der Postmoderne, in dem sich Geschichte, Mythos und Paranoia unauflöslich ineinander verschränken.
Die V2-Rakete der Nazis ist das Mysterium des Romans, Symbol für Macht, zerstörerischer Männlichkeit und technologischer Hybris, deren Flugbahn bis in das amerikanische Raumfahrtprogramm hineinreicht. Fantasie und Realität mischen sich zu Verschwörungstheorien, Obsessionen und halluzinatorischen Verschiebungen der Wirklichkeit.
Nach seinem ersten Buch „Its Flower Is Hard To Find”, für das Kohlbecher über mehrere Jahre hinweg in Polen nach Erinnerungen an seine Kindheit, den katholischen Glauben und deutsche Geschichte suchte, wendet sich die neue Arbeit erstmals einem literarischen Kosmos zu. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob sich ein komplexer Text überhaupt fotografisch denken lässt.
Dabei geht es nicht darum, die Handlung des Romans nachzuerzählen oder einzelne Szenen zu illustrieren. Die Bilder verstehen sich vielmehr als eigenständige Annäherungen an den Rhythmus und den Geist des Buches. Der Interpretationsraum entsteht nicht im einzelnen Bild allein, sondern vor allem zwischen den Bildern – in den Brüchen, Sprüngen und Verbindungen.
Die Arbeit führt Vincent Kohlbecher über sieben Jahre hinweg von England an die Côte d’Azur, quer durch Deutschland und Osteuropa, weiter nach Namibia, Georgien und Kirgistan, durch Südamerika bis nach Hollywood. Und das Projekt entwickelt sich zunehmend zu einem offenen Prozess. Oft entstehen unterwegs völlig andere Bilder als die ursprünglich gesuchten.
Kohlbecher beschreibt diesen Prozess als eine Form „visuellen Forschens“. Beeinflusst von der anarchischen Struktur des Romans löst er sich bewusst vom konzeptionellen Anspruch dokumentarischer Fotografie. Statt „etwas“ abzubilden, versucht die Arbeit, sich einem Gefühl anzunähern. Die Möglichkeiten digitaler Fotografie erweitern diese Arbeitsweise: Viele der Aufnahmen wären analog kaum realisierbar gewesen.
Daraus formt sich eine Bildwelt voller harter Schnitte, abrupter Übergänge und irritierender Verdichtungen – ein visuelles Echo auf einen der rätselhaftesten Romane des 20. Jahrhunderts. Vielleicht entsteht dabei tatsächlich ein neues Genre: keine Literaturverfilmung, sondern eine „Literaturfotografierung“ – eine Art visueller Sekundärliteratur.
*Thomas Pinchen, Die Enden der Parabel (englisch: Gravity’s Rainbow, 1973; ins Deutsche übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz, 1981),